10 Stunden hinter mallorquinischen Gardinen

3 Nov

Es ist Mitte Januar und ich sitze stocknüchtern bei der Guardia Civil Llucmajor in der Ausnüchterungszelle. Die Betonpritsche ist saukalt und die Feuchtigkeit kriecht mir durch die Klamotten bis auf die Knochen.

Aber erst mal von Anfang an.
Ich glaube mehrere hundert- oder tausendmal passiert. Ein „guter“ Freund schuldet dir Geld und verschwindet über Nacht von der Insel. Um seine Schulden zu mindern, gab er mir die Autoschlüssel von seinem 5er BMW, den er auf der Insel zurück lassen musste. Wie sich später herausstellte, wurde er von einer deutschen Leasingfirma gesucht.

Die Papiere wollte er mir zuschicken, sobald er in Deutschland sei. So hatte ich nach den ersten Monaten auf der Insel endlich einen fahrbaren Untersatz. Leider war die Freude darüber nur von kurzer Dauer.

Ein regnerischer stürmischer Dienstagabend. Ich bin in meiner „Tropfsteinhöhle“ die mein Vermieter Wohnung nennt und sitze auf dem Sofa, welches die Feuchtigkeit des Januars gierig aufsaugt und schon leicht modrig riecht. Auf RTL läuft gerade der Pilotfilm zur Serie „Dark Angel“ mit Jessica Alba. Ich nehme einen kräftigen Schluck Cerveza, als es an der Tür klingelt.

21.25 Uhr

Wer will denn jetzt noch was von mir? Ich schäle mich aus dem Sofa und beschließe dabei, nachdem mich der aufsteigende Geruch beinahe betäubt hätte, dass ich beim Umzug in eine trockene Wohnung das Schimmelgestell entsorgen werde.

Ich öffne die Tür und vor mir stehen zwei Männer der Guardia Civil und fragen mich in einem perfekten „amtsspanisch“ ob der BMW vor der Tür meiner wäre. Ich versuche mit meinen zwei Brocken spanisch zu erklären, dass ein „guter“ Freund mir das Auto als Pfand gelassen hat, da er mir viel Geld schuldet. Sie erwidern, dass auf dem Auto falsche Kennzeichen seien und ich morgen früh um zehn Uhr in Llucmajor auf der Polizeistation zu sein hätte, und zwar mit dem Auto. Der kleine energische Hinweis vom Uniformierten, dass ich bei Nichterscheinen abgeholt werde, erschreckt mich.

Nach einer unruhig geschlafenen Nacht, rufe ich einen Freund an und bitte ihn mich nach Llucmajor zu begleiten. Pünktlich fahren wir auf den Hof der Guardia Civil. Mein Freund wartet auf dem Parkplatz.

10.00 Uhr

Ich gehe in das Gebäude und werde von den Herren in Uniform mit Namen begrüßt. Einer der Herren führt mich in ein Nebenzimmer. Irgendwie erinnert mich das an die Krimis aus den 60ger Jahren. Ein Tisch, drei Stühle, ein Telefon und eine tief hängende Lampe. „Nada mas“.

Jetzt wird’s mir aber komisch, mein Gesicht nimmt langsam die Farbe der weiß gekalkten Wand an.

„Por favor, siéntese en la silla“

Höre ich die Stimme des Uniformierten sagen.

„Bitte Stuhl“, habe ich verstanden. Denke ich muss mich setzen.

Fragen prasseln auf mich ein: „Wem gehört das Auto, wo sind die Papiere, wie lange haben Sie das Auto, warum sind falsche Nummernschilder drauf?“  Das soll ich alles erklären und um 17 Uhr muss ich in Palma sein.

Dies habe ich herausgehört mit meinen wenigen spanischen Sprachkenntnissen.

Ich sage dem Uniformierten, dass ich dann um 16.30 Uhr wieder da sein werde um mit ihm nach Palma zu fahren. Will aufstehen und mich verabschieden, da sagt mir der Uniformierte sehr bestimmend, dass ich bis 17 Uhr da bleiben muss.

„sólo una llamada telefónica“

Er gibt mir mein Handy damit ich das letzte Mal mit der Außenwelt Kontakt aufnehmen kann. Ich rufe meinen Freund an und schildere ihm die Situation. Er sagt, dass er sich um einen Anwalt kümmern wird.

Ich muss meine Taschen leeren, Schnürsenkel, Uhr und Gürtel abmachen und alles auf den Tisch legen. Das Ganze wird in einer Plastiktüte verpackt und mit meinem Namen versehen.

10.45 Uhr

Schlagartig ist mir Kotzübel.

Nun werde ich in einen größeren Raum geführt. Dabei muss ich meine übergroße Jeanshose festhalten, die ohne Gürtel gewillt ist zu Boden zu rutschen.

Zum ersten Mal sehe ich eine Gefängniszelle von innen.

3×2 m, eine Betonpritsche, eine Decke und drei Meter Gitterstäbe, mit freier Sicht in den Überwachungsraum. Das Schließen der Gittertür geht durch Mark und Bein.

Ich glaube ich habe das große Los gezogen…das Aussichtslos!

Eine gefühlte Ewigkeit ist vergangen. El policia kommt durch den Überwachungsraum auf meine Zelle zu. Das Klacken seiner Stiefel, auf den alten porösen Bodenfliesen in diesem leeren leblosen Raum, schreckt mich auf. Er steht vor meiner Zelle, schaut mich an und sagt:

“Un abogado está allí para usted.”

Abogado, abogado!? Ah jetzt, mein Anwalt ist da.

12.18 Uhr

Er schließt die Zelle auf und führt mich wieder in den Raum mit den drei Stühlen. Der mallorquinische  Anwalt begrüßt mich in englischer Sprache. Sehr gut, denn mein Englisch ist um Welten besser als mein Spanisch.

Abogado Miguel sagt mir, dass er mich nicht kennt und erst mal einen Vorschuss von 100 € haben will bevor er mit dem Uniformierten redet.

Kein Problem.

Ich bitte den Uniformierten mir doch meinen Gelbeutel aus der Plastiktüte zu geben. Der erwidert, dass ich aus dieser Tüte, bis alles geklärt ist, nichts bekommen werde.

Also doch das große Los!

Der Anwalt macht nichts ohne Anzahlung und der Bulle sitzt auf meiner Kohle. Na prima.

Ich sage dem Anwalt, dass mein Freund ihn ja beauftragt  hat. Er soll doch bitte meinen Freund anrufen, denn mein Handy ist ja in der Plastiktüte.

Ein kurzes Telefonat und mein Abogado verlässt mich, um sich mit meinem Freund zu treffen.

Der Uniformierte bringt mich wieder in mein Einzimmerappartement mit Feuchtigkeitsgarantie. Eigentlich wie meine Wohnung, nur mein modriges Sofa fehlt.

Bin gerade dabei mir es ein bisschen gemütlich zu machen, als ich wieder abgeholt werde. Mein Abogado ist zurück.

Ich erzähle ihm wie ich zu diesem Auto gekommen bin.

Er übersetzt meine Geschichte el policia und jetzt verstehe ich kein Wort mehr, „Mallorquin“. Eine Sprache, die ganz weit hinten im Kehlkopf gesprochen wird, ähnelt sehr einem Brechreiz.

Der Anwalt erklärt mir dass geprüft wird, ob ich das Auto gestohlen habe oder ob damit ein Verbrechen begangen wurde.

Ok, das kann ja nicht so lange dauern. Falsch gedacht.

13.14 Uhr

Der Anwalt stellt mir mein weiteres Tagesprogramm vor.

Ich wiederhole:

13.30 – 16.30 Uhr                             Siesta in der Zelle.

16.30-17.00 Uhr                     Fahrt nach Palma über die malerische                                                                 S ´Aranjassa Straße.

Ab 17.00 Uhr                           Plausch mit der Untersuchungsrichterin,

ohne Häppchen und Getränke.

 

Mein Sarkasmus scheint ihn nicht zu beeindrucken. Er sagt, dass er selbstverständlich zum Termin um 17 Uhr in Palma da sein wird.

16.14 Uhr

Nach drei Stunden auf der Betonpritsche, werde ich von zwei Uniformierten abgeholt.

Und jetzt wird’s richtig heftig.

Das Klicken der Handschellen habe ich heute noch im Ohr, obwohl das schon etliche Jahre her ist.

Also, Handschellen an und ins Auto verfrachtet. Die Rückbank besteht aus einer Plastikwanne und meine Sicht nach vorne wird durch ein Eisengitter unterbrochen.

Wie versprochen geht die Fahrt von Llucmajor, über die alte S´Aranjassa Straße.

Auf dieser Straße hat man einen fantastischen Blick in die Bucht von Palma. Ich verabschiede mich vorsorglich schon mal von Diesem, denn vielleicht werde ich ihn für längere Zeit nicht mehr sehen.

In Palma angekommen, geht die Fahrt durch die Stadt in die Tiefgarage der Guardia Civil. Die beiden Uniformierten führen mich durch das Gebäude, über einen Treppenabgang, in das zweite Untergeschoss.

Mir steigt ein feucht modriger Geruch in die Nase.

Jetzt werden mir die Handschellen abgenommen, um die Fingerabdrücke zu nehmen. Meine Finger werden nacheinander in ein Stempelkissen gedrückt, um sie dann, von links nach rechts abrollend, auf einem Blatt Papier zu verewigen. Noch zwei Fotos, eins frontal und eins von der Seite. Aber bitte nicht lächeln.

Ich nutze die Freiheit meiner Hände und frage nach einer Toilette. „Den Gang entlang, ganz hinten rechts und gleich wieder rechts“.

Das sie mich alleine in diese Richtung gehen lassen, gibt  mir die Gewissheit, dass dort kein Ausgang ist.

Rechts und… mir stockt der Atem.

So muss es in Alcatraz ausgesehen und gerochen haben.

Ein Gang drei Meter breit, rechts und links Gefängniszellen. Gefängniszellen so weit das Auge reicht. Aus der dritten Zelle von rechts starrt mich ein Mann, abgemagert, so um die 168 cm gross, mittelblonde zerzauste Haare und einen Vollbart, an.

Er sieht aus wie Robinson Crusoe, verschollen auf der nicht wirklich einsamen Insel, in einer der Zelle der Guardia Civil. Bei diesem Anblick beschließe ich einzuhalten, um zu meinen beiden Bewachern zurückzukehren.

Ich sehe zu, wie drei Jugendlichen die Fingerabdrücke genommen werden. Es scheint als seien  sie Stammgäste, da sie mit den Uniformierten herumalbern.

In diesem Moment klicken wieder die Handschellen. Meine linke Hand freut sich über ihre Freiheit und die Rechte hat das Schicksal ereilt mit Robinson angekettet zu sein.

Wir werden zur Treppe gebracht und ich ziehe Robinson wie einen alten Mehlsack hinter mir her. Ich glaube er hat Gicht in seinen Knochen. Wäre ja auch kein Wunder bei der Kälte und der Feuchtigkeit in den Gefängniszellen. Wer weiß wie lange der schon da unten sitzt.

28 Stufen bis zum Erdgeschoss. Keuchend und hustend folgt mir Robinson und die Handschellen schneiden mir ins Handgelenk.

Das Erdgeschoss gleicht einer Hotelhalle mit Rezeption, nur ohne Lounge und Bar. Das herum wuselnde Personal trägt grüne hässliche Arbeitskleidung. Wir werden wortlos durch die Halle geführt. An der Rezeption steht mein Anwalt und wirft mir eine, alles wird gut Geste, zu.

Wir kommen zu einer Stahltür, die mit einem krächzenden Geräusch geöffnet wird. Wow, das Zimmer hat den gleichen Inneneinrichter wie Jenes in Llucmajor.

Hinter uns fällt die Stahltür ins Schloss. Robinson und ich setzen uns auf die Betonbank.

18.00 Uhr

Warten.

„Du Aleman“? fragt mich Robinson. Bis dahin haben wir kein einziges Wort gewechselt und ich antworte kurz mit „ja“.

„Ich sitze schon acht Tage hier“, sagt Robinson. Und das riecht man auch.

„Weil mein Chef keinen Anwalt bezahlt hat, musste ich auf den Pflichtverteidiger und die Pflichtübersetzerin warten“.

Dolmetscherin?! mein Anwalt wird ja wohl daran gedacht haben.

„Und? Warum bist du hier“? fragt mich Robinson.

„Ich habe null Bock mich zu unterhalten, ich will hier nur raus“, erwidere ich.

Robinson akzeptiert.

Warten, endloses warten, kein Zeitgefühl mehr.

Ich bin gerade dabei mir vorzustellen, wie die Bakterien und Krankheitserreger über die Handschellen von Robinson auf meine Hand rüber marschieren, als sich die Stahltür öffnet. Ich werde von Robinson befreit und in die Lobby gebracht. An der Rezeption begrüßt mich mein Anwalt mit „will be allright“.

Ich frage ihn nach der Uhrzeit.

19.00 Uhr

Wir gehen in einen Verhandlungsraum und setzen uns. Links mein Anwalt, rechts meine Dolmetscherin. Vor uns ein langer Tisch mit drei leeren Stühlen. Durch eine Seitentür kommt die Richterin mit zwei Beisitzerinnen in den Raum und füllen die noch leeren Stühle.

Die Richterin Barbara Salesch in mallorquin und zwei hübsche Beisitzerinnen.

„Erzählen sie mir die ganze Geschichte“, übersetzt mir die Dolmetscherin. Mein Anwalt weist mich noch darauf hin, dass ich immer die Richterin anschauen soll. Barbara Salesch schaut mir emotionslos tief in die Augen.

19.30 Uhr

Wir werden aus dem Verhandlungsraum geschickt und stehen an der Rezeption.

Ich frage meinen Anwalt: „Was passiert denn jetzt?“

„Wir müssen warten was die Richterin entscheidet. Glaubt sie ihren Aussagen können sie nach Hause gehen. Glaubt sie es nicht, werden sie bis zur Verhandlung in Untersuchungshaft sitzen“. Erwidert mein Anwalt.

Mir wird eiskalt, da öffnet sich die Tür zum Verhandlungsraum.

Jetzt läuft alles wie in Zeitlupe ab.

Der Anwalt und die Richterin gehen aufeinander zu, unterhalten sich und ich kann nichts, aber auch gar nichts, von ihren Gesichtern ablesen.

Mein Herz schlägt hoch bis zum Hals, spüre wie das Blut durch meinen Körper schießt und fange an zu zittern. Das Stimmengewirr um mich herum hört sich an wie eine zu langsam laufende Schallplatte.

Nicht U-Haft, nicht U-Haft, geht es mir immer wieder durch den Kopf.

Wie durch einen Nebel sehe ich wie Robinson in Handschellen durch die Lobby geführt wird. Sie gehen zum Treppenabgang und verschwinden in den Katakomben.

Ich will da nicht hin, ich will da nicht hin!

„Hallo“

Die Stimme meines Anwaltes ist zu mir durchgedrungen. „Alles ok, sie können nach Hause gehen. Das Protokoll der Anhörung und der Verhandlungstermin wird ihnen per Post zugestellt“.

20.00 Uhr

Mein Urschrei löst die Verkrampfung und die Schallplatte läuft wieder normal.

An der Rezeption bekomme ich die Plastiktüte mit meinen Sachen. Ich rufe sofort meinen Freund an, der mich abholt und nach Hause fährt.

In meiner „Tropfsteinhöhle“ angekommen beschließe ich, mir eine neue Wohnung zu suchen und mein Sofa zu entsorgen. Von diesem Geruch habe ich, im wahrsten Sinne des Wortes, die Nase voll.

Übrigens, ich habe keine Post bekommen, es hat nie eine Verhandlung stattgefunden und mein Auto habe ich auch nicht zurückbekommen. Ich denke der Wagen wurde unter den Uniformierten ausgelost.

 

3 Antworten zu “10 Stunden hinter mallorquinischen Gardinen”

  1. Charles Zinssmeister 6. November 2010 um 14:29 #

    spannende Story, schön geschrieben. Von diesem Autor möchte ich noch mehr lesen.
    Bravo

  2. Claudia 22. November 2010 um 21:21 #

    Hallo Franz, toll geschrieben und so lebendig.
    Mir hat beim Lesen selbst das Herz bis zum Hals geschlagen wie die Geschichte wohl ausgehen mag….
    Das will ich nicht erleben!!!
    Mach weiter so, bin schon gespannt auf mehr Beitraege….
    liebe Gruesse Claudia

  3. Jens 27. November 2010 um 11:08 #

    Hallo,
    sehr schoener Artikel,wenn der Hintergrund nicht so ernst waere.
    Als ich das gelesen habe,musste ich sofort an meine Geschichte denken,die zu 99% genauso abgelaufen ist.
    Waere schoen mehr darueber zu erfahren,da man in diesem “3.Weltland” nicht sicher sein kann wie das ausgeht.
    Gruss Jens

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