Kleider machen Leute

27 Okt

Ich bin zu einer Hochzeit eingeladen und suche in meinem Kleiderschrank
nach meinem Nadelstreifenanzug. Der Arme hängt schon 4 Jahre im Schrank
und ich hoffe nur, dass die Feuchtigkeit und die Motten ihm nichts angetan
haben. Ok alles klar, Hemd und Krawatte haben´s auch überlebt.
Eine mallorquinische Hochzeit habe ich mir anders vorgestellt. Es ist eine
langweilige Gesellschaft und ich beschließe um 24.00 Uhr die traurige Feier zu
verlassen um in meine Stammdisco zu gehen.
Ich gehe zum Tresen der ausschließlich für Stammgäste reserviert ist. Der DJ
begrüßt mich mit: „wie siehst du denn aus, so kenne ich dich gar nicht“?. Na
ja, normalerweise komme ich in Jeans und T-Shirt, da kann man die Reaktion
schon verstehen.
Rechts von mir sitzen ein paar Touris, links von mir auf der Ecke des Tresens
wie immer die gleichen Stammgäste, jene, die immer eine Flasche hier stehen
haben. Sie begrüßen mich mit einem kurzen „Hallo“. Einer aus der Runde, ich
glaube er heißt Kurt oder so, kommt auf mich zu, grüßt mich noch mal mit
Handschlag und sagt: „du bist ja schon mindesten 3 Monaten nicht mehr hier
gewesen“. Er fragt mich, dabei von oben bis unten musternd, ob bei mir alles
ok sei. Ich schaue ihn an; Armaniklamotten, fette Goldkette um den Hals und
goldene Rolex am Arm, und überlege kurz, ob ich ihm die Wahrheit sagen soll.
Ich entscheide mich, mal so richtig vom Leder zu ziehen. „Ach weist du, mir
war’s die letzten Monate zu kalt hier, da hab ich mal ein paar Monate in Florida
verbracht“. Er strahlt, sagt: „richtig cool“, und seine Rolexhand greift in den
Eiskühler um mir einen
DU-GEHÖRST-DAZU-DRINK zu mixen.
Bin gerade dabei, in meinem Nadelstreifenanzug den DU-GEHÖRST-DAZUDRINK
zu genießen, als ein Mann mittleren Alters, mit Schnurrbart und
schütterem Haar, in weißen Jeanshosen und einem nicht dazu passendes TShirt
mit Querstreifen, den Versuch startet den Barhocker neben mir zu
besteigen.
„Ich heiße Joachim“, schreit er mich an. Die Musik ist für ihn anscheinend
ungewöhnlich laut. „Und? wie lange bist du schon hier und wo kommst du
her“? Hör ich ihn Weiterschreien. Nach vier Versuchen hat er es endlich
geschafft, den Barhocker zu erklimmen. Ich denke mir, entweder steigt er zum
ersten Mal auf einen Barhocker, oder er versucht besonders lässig auf
denselben zu kommen, oder sein Alkoholpegel ist schon so hoch dass sein
Gleichgewichtssinn Streiche mit ihm spielt.
Ich versuche ihm verständlich zu machen, dass ich schon ein paar Jahre auf
der Insel bin.
„Ach was“!? sagte er, „das könnt ich mir auch vorstellen, so hier zu leben.
Aber ich bin Beamter beim Finanzamt in Saarbrücken. In ein paar Jahren auf
der Insel eine Finca kaufen und dann nur noch Party machen das wär´s“. Ich
kann ihn immer schlechter verstehen, da sein Bacardi Cola einen leichten
Ansatz von Verlusst der Muttersprache hervorruft, und er seine Blicke immer
mehr auf die Tanzfläche richtet.
Ich bestelle mir einen Gin Tonic und höre mein Lieblingslied, dass mir der DJ
auflegt als mich Finanzjoachim aufschreckt:
„du hasst hier bestimmt was zu sagen oder so“, er lispelte langsam, kein
Wunder nach 5 Bacardi Cola. „Nein“ erwidere ich, „ich hab nichts zu sagen ich
hab nur einen Nadelstreifenanzug an“. Er schaut mich verwundert an, rümpft
die Nase und wendet seinen Blick wieder der Tanzfäche zu, die sich zum
Bersten gefüllt hat. Finanzjogi klopfte mir auf die Schulter, sagt: „bis gleich“
und wippt im Takt der Musik Richtung Tanzfläche.
Was hat ihn so schnell auf die Tanzfläche gezogen frage ich mich.
Da sehe ich ihn schon balzend um eine Gruppe Damen tanzen.
Ok, der Stuckateur hat bei den Damen ganze Arbeit geleistet um sie für den
Abend zu stylen. Ich tippe bei den Damen auf den Strickclub aus Oberursel.
Ich überlegen noch, ob es vielleicht doch die Hausfrauengruppe, Backen ohne
Mehl aus Waiblingen ist, da hör ich neben mir eine weibliche Stimme:
„Hy ich bin Nicki“.
Mmh, schwarze kurze Haare um die dreißig ca. 160 groß auf den ersten Blick
nicht unattraktiv, aber leider schwarze Haare und die auch noch kurz, gar
nicht mein Fall. „Ich heiße Bernd“ sage ich.
„Bist du hier Geschäftsführer oder so was“? Fragt sie mich.
„Nein“ erwidere ich, „ich hab nur einen Nadelstreifenanzug an“. „Das glaub ich
dir nicht“, sagt sie „und was trinkst du“? fährt sie fort. „Gin Tonic“, sag ich,
„ok dann gebe ich einen aus“ und grinst mich dabei mit ihrem
Schlafzimmerblick an.
„Aber den DJ kennst du bestimmt gut, ich würde mir gern ein Lied wünschen,
das neuste von, ach wie heißen Die noch mal? Fällt mir jetzt nicht ein, aber
der Song geht ungefähr so: „la, la, la, hot love“. So langsam bin ich genervt.
„Der DJ spielt sein Programm und dass find ich ganz gut, da muss er nicht la,
la, la, hot love spielen, OK“?
Ich hab das wohl sehr bestimmen gesagt, worauf sie sich noch einen Wodka
red Bull bestellt. „Ich arbeite bei einem Radiosender nähe Düsseldorf und bin
mit ein paar Leuten, zeigt dabei nach rechts in die Tanzende Menge, seit 10
Tagen auf der Insel“. Sie steckt mir dabei eine Visitenkarte zu. „Es ist mein
letzter Tag und da will ich´s noch mal so richtig krachen lassen“, hör ich sie
sagen. Der DJ spielt den aktuellen Sommerhit, die Luft brennt, Joachim schält
sich aus der tanzenden Menge und kommt auf mich zu.
Er hat sich beim Tanzen so verausgabt, dass sein T-Shirt klitschenass am
Körper klebt und sein Deo den Geist aufgegeben hat. „Die Mädels sind voll gut
drauf“ schreit er mir strahlend zu, (wie man so strahlt mit etlichen Bacardi
Cola im Kopf) „da geht was, werd mit denen jetzt in den Laden nebenan
gehen, da singt gleich…“. Mehr kann ich nicht mehr verstehen da die Damen
von Backen ohne Mehl, den Sommerhit mitkreischend, Joachim in die Disco
nebenan ziehen. Ich wende mich wieder Nicki zu, die Selbstgespräche zu
führen scheint und das Glas Wodka red Bull mit beiden Händen fest
umklammert. „Was ist los“? sage ich zu ihr, „du wolltest es doch so richtig
krachen lassen“?
„Ja, aber den Typ aus meiner Gruppe, den ich so richtig gut finde, traue ich
mich nicht anzusprechen“ und schaut dabei auf den Tresen hinter uns. „Der
Blonde da mit dem blauen Hemd, der will einfach nichts von mir wissen“. Ich
schlage ihr vor, sie soll doch noch einen Wodka trinken dann klappt das schon.
Um ganz sicher zu gehen, bestellt sie gleich zwei Wodka red Bull und trinkt
das erste Glas in einem Zug leer. Der Wodka hat seine gewünschte Wirkung
und Nicki geht auf den Typ mit dem blauen Hemd zu, beide verschwinden auf
der Tanzfläche.
Die Uhr zeigt 4:30 und ich beschließe langsam den Heimweg anzutreten.
Verabschiede mich beim DJ und Armani-Kurt umarmt mich so fest, dass sich
seine Goldkette mit dickem Jesuskreuz in meinen Brustkorb bohrt. „Aber nicht
gleich wieder nach Florida“, lallt er mir grinsend ins Ohr. „Nein nein“, sage ich,
und versuche mich aus seiner Umklammerung zu lösen. Es gelingt mir ganz
gut, da das Gewebe des Armanihemdes in Verbindung mit Schweiß eine
außergewöhnliche Gleitfähigkeit besitzt.
Am Ausgang angekommen erkläre ich noch dem Kassierer, nachdem er mich
gesiezt hat, dass ich´s bin Bernd und heute nur einen Nadelstreifenanzug an
habe.
Im Taxi wieder die Diskussion mit dem Fahrer warum die 20 km nach Hause
3€ mehr kosten als die Fahrt zur Disco. Na ja, nützt ja nichts, liegt
wahrscheinlich daran, dass die fahrt zur Disco bergabwärts geht und das Taxi
nach Hause mehr Sprit braucht.
Daheim angekommen erkläre ich meinem Nadelstreifenanzug, dass er nun
wieder für lange Zeit im Schrank bleiben muss.
Obwohl?! für eine Nacht war ich mal einer von den ganz Wichtigen.
Franz Zsámbéck

3 Antworten zu “Kleider machen Leute”

  1. Heida Bert 27. Oktober 2010 um 11:35 #

    Herzlich willkommen als neuer Autor auf unserer Seite. Lieber Franz, deine Geschichte ist köstlich. Wir freuen uns auf weitere!

    • Franz Zsámbéck 29. Oktober 2010 um 10:17 #

      Vielen Dank Heida, eine weiter Geschichte ist schon in Arbeit und wird in Kürze zur Veröffentlichung fertig sein.

  2. Sheila 5. November 2010 um 14:21 #

    Hallo Franz, wirklich witzig zu lesen. Gruß aus Llucmajor

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